02.10.2015  Forschung

Alternativlos? Tierversuche und die Zukunft der Forschung

Über drei Millionen Tiere werden jährlich in Deutschland in Tierversuchen verbraucht. Die Anzahl an Tieren steigt seit Jahren an – trotz gleichzeitiger Fortschritte in der Entwicklung tierversuchsfreier Forschungsmethoden. Obwohl letztere mitunter deutlich zuverlässiger, günstiger und mit weniger Tierleid verbunden sind, gelten Tierversuche nach wie vor in vielen Bereichen als Goldstandard.

Doch woran liegt dies? Wie weit ist der Entwicklungsstand der tierversuchsfreien Forschung? Welche Strukturen und Faktoren verhindern oder fördern den Durchbruch von tierversuchsfreien Forschungsverfahren? Um diese Fragen zu klären, haben Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutzpolitik, und Kai Gehring, Sprecher für Forschungspolitik, gemeinsam zu einem öffentlichen Fachgespräch „Alternativlos? Tierversuche und die Zukunft der Forschung“ in den Bundestag eingeladen.

Die grüne Bundestagsfraktion hat das Ziel Tierleid überflüssig zu machen, indem Tierversuche wo möglich, ersetzt werden, so Nicole Maisch zu Beginn der Veranstaltung. Landwirtschaftsminister Schmidt teilt dieses Ziel zwar verbal, in der Praxis tut er aber kaum etwas dafür. Die EU-Tierversuchsrichtlinie, die in Sachen Tierschutz ohnehin weit hinter unseren Erwartungen liegt, wird in Deutschland zu lax umgesetzt. Hier wollen wir das Tierschutzgesetz nachbessern, um endlich eine unabhängige Bewertung der ethischen Vertretbarkeit und Unerlässlichkeit von Tierversuchen zu gewährleisten. Zudem wollen wir das von der EU-Tierversuchsrichtlinie vorgegebene 3R-Prinzip stärken, wonach die Mitgliedstaaten Tierversuche durch den Einsatz von Alternativmethoden vermeiden („Replace“), die Anzahl der Versuchstiere auf ein Minimum reduzieren („Reduce“) und das Leiden der Tiere vermindern („Refine“) müssen.

Einen Überblick über innovative Ansätze, vielversprechende Perspektiven, aber auch gegenwärtige Probleme und offene Fragen bot das erste Panel des Fachgesprächs, das von Kai Gehring moderiert wurde. Er wies zu Beginn auf das gemeinsame Ziel der Veranstaltung hin, konstruktiv an einen Paradigmenwechsel für den Ersatz von Tierversuchen zu arbeiten. Professor Dr. Ellen Fritsche, Umwelttoxikologin am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung, warf Schlaglichter auf die Entwicklungen der letzten Jahre. Die Erforschung von Alternativen zum Tierversuch ist mittlerweile vorangeschritten: Das gehe über die Nutzung von induzierten pluripotenten Stammzellen bis hin zu dreidimensionalen Zellkulturen auf dem Chip. Das EU-weite Tierversuchsverbot für Kosmetikprodukte hat die Entwicklung und Zulassung tierversuchsfreier Testmethoden befördert. Wenn Politik und Technologieentwicklung Hand in Hand gingen, kann der stärkere Einsatz von Alternativen durchaus gelingen.

Illustratives Beispiel für Innovationen auf dem Gebiet tierversuchsfreier Alternativen ist der Multi-Organ-Chip, den Dr. Reyk Horland, Head of Business Development bei der der TissUse GmbH, vorstellte. Seit 2010 vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des Förderschwerpunkts „GO-Bio“ unterstützt, entwickelt die Firma In-vitro-Testsysteme. Ergebnis sind ein Zwei- und ein Vier-Organ-Chip. Sie simulieren kleinste Organe. Die Idee dabei: Mit Hilfe solcher Chips kann geprüft werden, ob sich die klinische Prüfung von Wirkstoffen für die Medikamentenentwicklung überhaupt lohnt.

Die Anwendungspotenziale tierversuchsfreier In-Vitro-Studien fürs so genannte Screening, also dem Auswahlverfahren bei der Wirkstoffentwicklung, bestätigt auch Dr. Joachim Coenen, Mitglied im Unterausschuss Tierschutz/Tierversuche des Verbands forschender Arzneimittelhersteller und Corporate Animal Welfare Officer der Merck KGaA. Bei der Frage allerdings, wie Organe miteinander interagieren, bei komplexen Systemen, ist man in der Entwicklung von Alternativen zum Tierversuch noch nicht so weit, so beide Panel-Experten. Großer Forschungsbedarf für tierversuchsfreie Methoden besteht zudem, so Professor Fritsche, auf dem Gebiet der Reproduktionstoxikologie und der Karzinogenität. National muss außerdem beim AOP-Konzept (adverse outcome pathways) noch viel mehr passieren. Hier geht es im Wesentlichen um die Erforschung Speziesunterschiede in zellulären Signalwegen zwischen Mensch und Tier. Validierung und Zulassung von Alternativverfahren sind weitere aktuelle Herausforderungen. Auf sie wies Dr. Coenen hin. Wenn Politik, Industrie und Behörden bei der gesetzlichen Umsetzung in der Zulassung von Verfahren kooperierten, dann ließen sich auch Tierversuche reduzieren. Tatsächlich dauert die Anerkennung von Alternativmethoden aber oft sehr lange. Firmen entwickeln zudem Medikamente für weltweite Märkte. Es ist nicht viel gewonnen, wenn hierzulande In-Vitro-Methoden als Alternative zur Verfügung stehen, diese woanders aber nicht anerkannt sind.

Diskutiert wurde abschließend das Problem, dass es Forschungsanträge oder Publikationsvorhaben, die ohne Tierversuche auskommen wollen, in den einschlägigen Fach-Communities und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) schwer hätten. Sie werden oft nicht unterstützt, so Professor Fritsche. Tatsächliche Humanrelevanz der eingesetzten Methoden spiele eine zu geringe Rolle. Die Aussagekraft von Tierversuchen an transgenen Tieren zum Beispiel – in den letzten Jahren einer der Treiber ansteigender Tierversuchszahlen – ist ein schwieriges Thema. Dr. Coenen sieht hier die Zeit für ein Umdenken in der Wissenschaft gekommen. Bei der Vergabe sollten beantragte Forschungsprojekte, etwa mit transgenen Tieren, stärker kritisch darauf hinterfragt werden, ob wirklich alle anderen Alternativen zuvor ausgeschöpft worden seien.

Wo die maßgeblichen Hebel und Hemmnisse im Bereich der tierversuchsfreien Forschung liegen, wurde im zweiten Panel deutlich. Dr. Mardas Daneshian, Geschäftsführer des Zentrums für Alternativen zu Tierversuchen (CAAT-Europe) an der Universität in Konstanz machte deutlich, wie gering die Mittel sind, mit denen die Bundesregierung tierversuchsfreie Forschung jährlich fördert – insbesondere im internationalen Vergleich. Während die Bundesregierung im letzten Jahr 4,7 Millionen Euro zur Verfügung stellte, waren es in Großbritannien elf Millionen. China hat allein in die Infrastruktur für Alternativverfahren 70 Millionen Euro investiert. Die Förderung in Deutschland bezeichnete er vor diesem Hintergrund als Alibi-Veranstaltung. Die Bundesregierung hat die ökonomische Bedeutung humanrelevanter Methoden im Bereich der tierversuchsfreien Forschung – die sich auch durch Patentierungen ergeben – nicht erkannt und bleibt stattdessen in starren Förderstrukturen gefangen. Ein Umlenken ist dringend nötig – nicht zuletzt, um Kreativität zu fördern.

Prof . Dr. Gerhard Heldmaier, Vorsitzender der Senatskommission für tierexperimentelle Forschung der DFG hob hervor, dass die DGF Forschung nach dem bottom-up-Prinzip fördere weshalb sie auch keine Vorgaben über Themen oder Methoden macht. Das bedeutet, dass bestimmte Methoden, wie tierversuchsfreie Verfahren, auch nicht explizit gefördert werden könnten. Ob beispielsweise die Verwendung transgener Tiere bei einem Projekt gerechtfertigt sind, entscheiden externe Gutachtergruppen. Die DFG orientiert sich am 3R-Prinzip. Alle zwei Jahre vergibt die DFG außerdem den Ursula-M.-Händel-Tierschutzpreis an Forscherinnen und Forscher, die sich in besonderer Weise um den Tierschutz in der Forschung verdient gemacht haben. Roman Kolar, stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes, überzeugte diese Argumentation nicht: Die DFG gibt hier seit 15 Jahren die gleiche antiquierte Antwort. Kolar verwies darauf, dass eine aus Steuermitteln finanzierte Fördereinrichtung dem Staatsziel Tierschutz Rechnung tragen muss. Er forderte unter anderem die Schaffung eines Sonderforschungsbereiches „Ersatzmethoden“ innerhalb der DFG. Kolar kritisierte außerdem, dass die Vorgabe des Tierschutzgesetzes, wonach Tierversuche nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn sie unerlässlich und ethisch vertretbar sind, in der Praxis häufig nicht erfüllt werden. Den Kommissionen, die den Behörden bei der Beratung und Prüfung von Tierversuchen zur Seite stehen, ist es mitunter nicht möglich, auf so breiter Ebene über die Sinnhaftigkeit von Tierversuchen zu urteilen oder gegebenenfalls zur Verfügung stehende Alternativverfahren in allen Bereichen zu kennen.

Hilfestellung und Auskunft bei Bewertungen von Tierversuchen zu geben, gehört zu den Aufgaben der 1989 gegründeten ZEBET (Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch), die seit kurzem als Deutsches Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) fungiert. Professor Dr. Gilbert Schönfelder, Leiter des Zentrums, stellte dessen Kernbereichen und Aufgaben vor. So sollen im Zentrum unter anderem Alternativverfahren weiterentwickelt sowie deren Anerkennung vorangebracht werden. Gerade letztes ist laut Schönfelder ein großer Hemmschuh der tierversuchsfreien Forschung – im Schnitt dauere es heute sechs Jahre bis Alternativverfahren anerkannt seien. Das sei zwar schneller als vor einigen Jahren, der Prozess müsse aber noch deutlich beschleunigt werden.

In der anschließenden Diskussion griffen die Expertinnen und vor allem die Punkte Forschungsförderung und Ausbildung noch einmal auf. Professor Fritsche betonte, wie wichtig der politische Wille ist, um tierversuchsfreie Forschung voranzubringen. Als beispielhaft nannte sie einen Senatsbeschluss in den USA, die humanrelevante Forschung auf dem Gebiet der Toxizität mit 400 Millionen Euro zu stärken. Ein solches politisches Bekenntnis mit der entsprechenden Förderung braucht es auch in Deutschland. Roman Kolar ergänzte, die USA haben diesen Ansatz nicht allein aus ethischen Gründen gewählt, sondern dabei vor allem auch wissenschaftlich und ökonomisch gedacht. Tierversuche erwiesen sich im Vergleich zu Alternativverfahren als unzuverlässiger und teurer. Gelder sind aber nicht nur als Anschubfinanzierung notwendig, sondern auch noch für die Phase der Anerkennung. Professor Schönfelder und Dr. Coenen wiesen in dem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass es in vielen Bereichen nach wie vor nicht möglich sei, Tierversuche bereits heute oder in Zukunft zu ersetzen.

Kritisiert wurde in zahlreichen Wortmeldungen des Publikums der Umgang mit Tierversuchen und Alternativverfahren in Ausbildung und Lehre. In manchen Bundesländern ist es so, dass Studierende 3R-Kurse selbst bezahlen müssten, wohingegen Tierversuche im Studium vorgesehen und kostenfrei sind. Insbesondere im Rahmen des Biologiestudiums ist das unnötig, da sehr viele der Studierenden nicht das Ziel haben, danach überhaupt mit Tieren zu arbeiten. Im Vergleich dazu gibt es Veterinärmedizinstudium bereits mehr Alternativen. Anwesende forderten auch, Tierversuche im Studium sollten nicht regulärer Bestandteil des Grundstudiums sein, sondern nur bei Bedarf als Aufbaukurs angeboten werden. Die verstaubten Strukturen an den Lehrstühlen müssen aufgebrochen und Alternativverfahren und Ethikkurse stärker in die Lehre aufgenommen werden. Ein Umdenken ist auch in der Forschungsgemeinschaft nötig. Tierversuche haben eine lange Tradition und sind nach wie vor häufig unumgänglich, wenn man als WissenschaftlerIn Karriere machen wolle. So publizieren große, renommierte Forschungs-Journale vorwiegend Forschungsprojekte, die auf Tierversuchen basieren.

Kai Gehring hielt in seinem Schlusswort nach einer kontroversen, aber durchgehend fairen Diskussion fest: Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sind gefordert, ihren Teil zur Vermeidung von Tierversuchen und zur Stärkung der Alternativen beizutragen. Es wurde deutlich, wie wichtig eine kritische und interessierte Öffentlichkeit, wissenschaftliche Verantwortung, Transparenz und politische Rahmenbedingungen sind, damit sich die Potenziale der tierversuchsfreien Forschung entfalten können. Dies betrifft in besonderer Weise die staatliche Forschungsförderung der unterschiedlichen politischen Ebenen. Länder wie Hessen oder Nordrhein-Westfalen (NRW) machen sich längst auf den Weg, Tierschutz zu stärken. An den Universitäten Gießen und Frankfurt sollen zum Beispiel mit Unterstützung des Landes im kommenden Jahr zwei Professuren entstehen, die zu 3R-Aspekten forschen. In NRW wird mit „CERST“ unter Leitung von Professor Fritsche ein neues Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch gegründet. Diese und weitere Anstrengungen sind zentral, um den nötigen Paradigmenwechsel weiter zu forcieren.