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Portrait: Der Mann für junge Fälle

Von Michael Kraft (erschienen bei news.de, 10/08)

 

Ob es der zweieinhalbmillionste Zivildienstleistende in Deutschland ist, der nächste Vorstoß gegen Studiengebühren oder die Debatte um minderjährige Alkohol-Testkäufer: Kai Gehring ist immer zur Stelle, wenn es um die Belange junger Menschen geht.
 
Die Zeitschrift Focus Campus hat den 30-Jährigen im August 2007 zum Testsieger gekürt, als sie überprüfte, welche Politiker sich am meisten für Studenten einsetzen. Gehring, der in der Grünen-Fraktion Sprecher für Jugend- und Hochschulpolitik ist, sieht sich «als Anwalt und Fürsprecher für die junge Generation und für künftige Generationen». Er kämpft gegen Komasaufen und Studiengebühren, gegen Hauptschule und Wehrpflicht. Aber vor allem will er das Image der jungen Deutschen aufpolieren: «Über Jugendliche wird meist nur gesprochen, wenn es um Probleme wie Killerspiele oder Gewalt geht. Aber das geht an der Realität vorbei. Die Jugend ist viel besser als ihr Ruf.»
 
Der Schwerpunkt in Gehrings Arbeit ist die Bildungs- und Hochschulpolitik. Dass 15 Prozent aller Schulanfänger es nicht bis zum Abschluss schaffen, dass Jugendliche keine Lehrstelle finden, weil sie oft nur das Bildungsniveau von Viertklässlern haben, dass sie nach der Ausbildung nicht übernommen werden oder sich trotz abgeschlossenem Studium bloß von einem Praktikum zum nächsten hangeln können – das hält der studierte Sozialwissenschaftler für «gesellschaftlichen Sprengstoff». Sein Ziel: «Perspektiven für diejenigen ohne Perspektive.»
 
Die Bildungspolitik sieht er als Hebel, um die Belange der Jugend grundsätzlich auf die Tagesordnung zu bringen. Die große Koalition tut seiner Ansicht nach deutlich zu wenig in diesem Bereich: «Frau von der Leyen macht nur Kinder- und Familienpolitik, dabei sollte sich ihr Ministerium auch um Senioren, Frauen und eben Jugendliche kümmern. Und Frau Merkel entdeckt jetzt plötzlich das Thema Bildung und macht mit einer Bildungsreise Schlagzeilen. Aber wir brauchen nicht mehr Show, sondern mehr Handeln», fordert Gehring.
 
Solche forschen Töne sind selten für den Essener, der nach eigenen Angaben in einem «typischen Ruhrpott-Haushalt» aufgewachsen ist. Im Gespräch wirkt er eher leise. Gehring lässt sich auch einmal Zeit zum Nachdenken, bevor er auf eine Frage antwortet. «Ich habe nicht das Zeug zum Populisten», lautet seine Selbsteinschätzung. Wo andere lospoltern und draufhauen, sobald ein Mikrofon in der Nähe ist, überlegt er lieber zweimal, welche Position er vertritt.
 
Dennoch sei es nicht schwer für ihn, sich mit seinen Themen und Zielen durchzusetzen. Auch ältere Menschen hätten Verständnis für die Belange der Jugend. Die Erkenntnis, dass eine bessere Förderung der jungen Menschen wichtig für die Volkswirtschaft ist, setze sich auch immer mehr durch. Nicht zuletzt gebe es «quer durch alle Altersgruppen ein großes Unbehagen» über die mangelnde Leistungsfähigkeit und Gerechtigkeit im Bildungssystem.
 
Im Bundestag sei es ebenfalls nicht schwer, Gehör für seine Anliegen zu finden. «Auch als junger Abgeordneter wird man sehr schnell respektiert. Meine Positionen werden ernst genommen. Für mich war es dabei ein Riesenvorteil, dass ich direkt vom Hörsaal in den Plenarsaal gewechselt bin. Denn in der Hochschulpolitik kann ich so aus unmittelbarer Erfahrung mitreden», sagt Gehring, der nach seinem Studium als 27-Jähriger erstmals in den Bundestag gewählt wurde und dort auch bleiben möchte. Für die nächste Bundestagswahl strebt er «einen guten Listenplatz» an.
 
Auch im Wahlkampf habe er die Erfahrung gemacht, dass die Jugend kein Hindernis sein muss. «Manche älteren Wähler halten mich zwar zunächst für einen Grünschnabel. Aber mit Kompetenz, Ausstrahlung und Leidenschaft kann man die Menschen sehr schnell überzeugen. Es geht nicht ums Alter, sondern darum, für was man steht.» Das ist seiner Ansicht nach der ökologische Einsatz der Grünen und ihr Anliegen, Minderheiten eine Stimme zu geben. Gemeinsam mit der «großen Chance, Helmut Kohl abzulösen», sorgte dieses Programm dafür, dass er vor zehn Jahren Mitglied der Grünen wurde.
 
Auch die heutige Jugend hält Gehring keineswegs für politikverdrossen. Deshalb will er das Wahlalter auf 16 Jahre senken, damit die «gesellschaftliche Minderheit» junger Menschen mehr Einfluss bekommt. «Die Forschung zeigt, dass junge Menschen heute viel früher reif sind. Das ist auch meine Erfahrung, wenn ich Schulen besuche: Die Jugendlichen sind viel ernster, als man denkt. Wenn man auf sie zugeht und ihnen Politik näher bringt, dann haben sie durchaus etwas dazu zu sagen. Sie brauchen nur eine stärkere Stimme.»
 
(mit freundlicher Genehmigung von www.news.de)