Portrait: "Wenn, dann richtig..."
von Agnes Steinbauer (in profil: GRÜN 06/06)
Von der "Generation-Praktikum" ist Kai Gehring (28) selbst nicht weit entfernt. Erst vor drei Jahren hat der Fraktionssprecher für Jugend- und Hochschulpolitik sein Studium als Sozialwissenschaftler abgeschlossen. "Nein, trotz großer Nachfrage", unbezahlte Langzeit-Praktikanten würde er auf keinen Fall in seinem Abgeordnetenbüro beschäftigen. Schließlich will er sein Mandat nutzen, um sich gegen ausbeuterische Praktika einzusetzen. Lösungen zu finden für die "Null-Job-Generation", darum geht's ihm.
"Alle sprechen von Kindern und Kita-Plätzen." Das ist ihm auch wichtig, "aber wer kümmert sich ernsthaft um die Jugendlichen zwischen zwölf und zwanzig?", fragt der Jungpolitiker. Er sieht sie als von der Politik sträflich vernachlässigte Generation. Schlechte Schulbildung, keine Ausbildungsplätze oder keinen Job trotz Ausbildung - wenn das alles zusammenkommt, dann könne aus "Null-Job? leicht "Null-Bock? werden. Sozialer Sprengstoff pur. Gehring konzentriert sich deshalb auf "Perspektiven für diejenigen ohne Perspektive?. Diese Jugendlichen will er nicht verloren geben und für alle faire Chancen auf Teilhabe ermöglichen.
Nicht erst der Hilferuf aus der Berliner Rütli-Schule hätte den Handlungsbedarf in diesem "politisch völlig unterbelichteten Bereich? deutlich gemacht. Gehring mahnt neben "erster Hilfe" vor Ort auch langfristige Veränderungen an. "Es geht hier nicht nur um Bildungs-, In-tegrations- und Erziehungsprobleme, sondern vor allem um soziale Exklusion und Perspek-tivlosigkeit. Offenbar haben sämtliche Frühwarnsysteme vor Ort versagt." Neben jugendpoli-tischen Antworten sei auch die Stadtentwicklung gefordert, der Entstehung von Risikostadtteilen entgegen zu wirken. Gelder müssten zu Gunsten von Problemschulen umverteilt werden, mehr Sozialarbeiter und -pädagogen seien dringend erforderlich. Auch durch Schüler-Partizipation ließen sich Schul- und Lernklima stark verbessern.
Als Bundespolitiker kann er auf die Schulpolitik aber kaum Einfluss nehmen. Das wurmt ihn schon. Auch deshalb reizt ihn die Föderalismusreform zur Kritik: "Die Mutter allen Murkses", ärgert er sich in schönstem Ruhrgebietsdeutsch. Ein Kooperationsverbot von Bund und Län-dern in Bildungsfragen prangert er als krassen Rückschritt an. Stattdessen werde eine ge-meinsame Agenda für bessere Bildung benötigt. Im Hochschulbereich, so fürchtet er, wird sich die Kluft zwischen ärmeren und reicheren Bundesländern vergrößern. Dass der Bund nur noch für Forschungsförderung zuständig sein soll - für Gehring ein Rückfall in die "Kleinstaaterei". Womöglich könnten Studierende bald leichter ins Ausland wechseln als in ein anderes Bundesland.
Politische Biografie
1998 Eintritt in die Partei Bündnis 90/Die Grünen
1999 Mitgründer der Grünen Jugend Nordrhein-
Westfalen
1999 - 2002 Mitglied im Landesvorstand der Grünen Jugend Nordrhein-Westfalen, ab 2000 Sprecher
2001 - 2004 Delegierter zum grünen Länderrat
2002 - 2006 jüngstes Mitglied im grünen Landesvorstand
2005 Kandidatur zur Landtagswahl
seit 2005 Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Er findet es fatal, "wenn jetzt jedes Bundesland sein eigenes Modell von Studiengebühren und Studienkrediten aufbaut?. Besonders wichtig sei der Aufbau von deutlich mehr Studien-plätzen, "sonst verspielen wir bei der zum Glück stark steigenden Zahl von Studienberechtigten deren Zugangschancen auf höhere Bildung". Sinnvoll erscheint ein Lastenausgleich zwischen den Ländern oder einzelnen Universitäten. "Bayerische Studierende, die zum Beispiel aus München nach Nordrhein-Westfalen wechseln, könnten ihre Gutscheine mitbringen - zu Gunsten der dortigen Universität." Gehring plädiert dafür, dass der Bund - ähnlich wie beim Ganztagsschulprogramm - den Ländern weiterhin finanziell unter die Arme greifen darf, vor allem bei den Studienplatz- und Personalkapazitäten.
Eines ist für ihn vorneweg klar: Das gebührenfreie Erststudium muss unangetastet bleiben. Nicht nur wegen des drohenden Akademikermangels in vielen Fachbereichen. "Keine Frage, da geht es auch um Gerechtigkeit." Auf dieses zentrale Anliegen kommt Kai Gehring immer wieder zu sprechen. Es hat ihn in die Politik geführt. Natürlich auch die Ökologie, natürlich auch der Gedanke der Nachhaltigkeit. Für ihn persönlich sind die Grünen aber zuallererst die Partei, die sich am intensivsten mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Minderheitenproblemen beschäftigt. So ist er stolz, dass die Grünen das Lebenspart-nerschaftsgesetz durchgesetzt haben. Die Möglichkeit der eingetragenen Partnerschaft ist ihm nicht nur aus persönlichen Gründen wichtig, sondern unerlässlich in einer demokratischen Kultur.
Gehring wirkt jugendlich frisch, gleichzeitig nachdenklich. Er ist einer, der lieber dreimal überlegt, als unausgegorene Gedanken von sich zu geben. "Wenn ich etwas mache, dann richtig", betont er. Den Grünen stand er schon lange nah und er wollte endlich selber aktiv werden. Der grüne Wahlkampf und die "Kohl-muss-weg-Stimmung" gaben 1998 den letzten Kick. Der grüne Stammtisch im Stadtteil und die Essener Grünen empfingen ihn mit offenen Armen, das Engagement vor Ort war Ausgangspunkt zahlreicher Aktivitäten. Zum Beispiel, die Grüne Jugend NRW auf die Beine zu stellen. Gehring war mittendrin und Gründungsvater.
Die soziale Ader brachte er schon von zu Hause mit. Die Mutter Arzthelferin, der Vater Facharbeiter, beide SPD-Wähler - ein "typischer Ruhrpott-Haushalt". Gehring engagierte sich in der Schülervertretung und im evangelischen Jugendhaus, wo er Jugendgruppen leitete. "Da hatte ich immer gut zu tun", sagt er lachend. Als "Neuer" im Bundestag muss er jedoch erst einmal ein ganz anderes Tagespensum bewältigen. "Gar nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu kriegen." Die 2004 begonnene Doktorarbeit hat Gehring deshalb erst einmal auf Eis gelegt. "Ein Leben nach der Politik gibt's nicht." Zumindest nicht in Sitzungswochen. Damit er wenigstens einer Lieblingsbeschäftigung weiter nachgehen kann, hat er sich auf Kurzreisen spezialisiert. Zum Beispiel nach Paris - am liebsten zusammen mit seinem Lebenspartner - dann dort vor einem Cafe einfach in der Sonne sitzen. Vive la vie!









